Über das Projekt

Warum »Spur der fabelhaften Dinge«?

Der Ausgangspunkt ist eine Geschichte: Nina, siebzehn Jahre alt, hat, wenn sie aus dem Haus geht, einen Rucksack bei sich. Er enthält siebzehn Gegenstände. Ausgehend von diesen Gegenständen, unter anderem ein Walkman, ein Lippenstift und ein kleines Schneckenhaus, erzählt die Schweizer Schriftstellerin ELEONORE FREY (geb. 1939) in dem Buch »Siebzehn Dinge von Ninas Leben«. Man könnte auch sagen: Sie überlässt es den Gegenständen, das einfühlsame Porträt einer jungen Frau zu erzählen.

Was also können Gegenstände erzählen? Vielleicht ist es gerade jetzt, in den Jahren 2020 und 2021, ein guter Ansatz, die Dinge erzählen zu lassen. Das gesellschaftliche Leben ist geprägt von einem alles dominierenden Thema: Die SARS-CoV-2-Pandemie greift in jedes Leben ein, eine schleichende Naturkatastrophe, die sich durch die Gesellschaft frisst, zu Einschränkungen führt und ganze

Biografien umschreibt. Wer in dieser Zeit über Gegenstände spricht, spricht auch immer über die Auswirkungen der Pandemie. Aber eben nicht nur. Die Dinge, die Menschen wichtig geworden sind, bilden eine Brücke zu ihnen selbst. Sie zeigen, woran sich Menschen in einer Krise festhalten und was für sie in dieser Zeit einen besonderen Wert hat. Es sind neu- und wiederentdeckte Gegenstände,

Gegenstände, die kompensieren, die Ausgleich schaffen, aber auch Dinge, die im Alltag plötzlich eine ganz praktische Bedeutung gewonnen haben. Es gibt auch Gegenstände, deren Sinn in Frage steht, und solche, die vollkommen unsinnig geworden sind.

Ein Ding ist mehr als nur ein Ding

Die meisten Menschen besitzen Gegenstände, die für sie einen besonderen Wert haben. Lieblingsteile aus dem Kleider- oder Geschirrschrank, Erinnerungsstücke, Glücksbringer – schon die Bezeichnungen sagen etwas über emotionale Aufladungen, die in keinem Verhältnis zum materiellen Wert stehen müssen. Sie nehmen in einer säkularisierten Gesellschaft möglicherweise den Platz ein, den früher sakrale Gegenstände innehatten, als Objekte, auf die sich Hoffnungen, Wünsche und Erinnerungen richteten, Kraftzentren einer Gemeinschaft. Und dann gibt es natürlich auch noch die Kunstgegenstände: Objekte, die durch ihre ästhetische Gestaltung, ihre Einzigartigkeit, ihre Verbindung mit einer Künstlerpersönlichkeit und einer Stilrichtung einen besonderen Wert haben.
Dass sich unter der äußeren Hülle eines Gegenstandes vielerlei und auch irrationale Zuschreibungen verbergen können, kann man in einer Gesellschaft, die sich selbst als modern und aufgeklärt einschätzt, leicht vergessen. Es gibt eine Reihe von Dinge-Forscher:innen, die aus philosophischer, ethnologischer oder künstlerischer Perspektive danach gefragt haben, wie sich das Verhältnis zwischen Menschen und Gegenständen gestaltet. Auf Fragestellungen und Deutungsansätze einige dieser Dinge-Forscher:innen greifen wir im Projekt SPUR DER FABELHAFTEN DINGE zurück.

gelbe Kaffeetasse

Der Fetisch – negativ besetzt

Silhouette einer Giraffenfigur

Das Konzept des Fetischismus geht auf die frühe Beschäftigung mit außereuropäischen Völkern zurück, vor allem in Afrika. Europäische Reisende berichten von der Verehrung magisch aufgeladener Gegenstände in indigenen Kulturen. Man blickte damals aus der Perspektive des Überlegenen auf diese vermeintlich heidnischen Bräuche, die durch christliche Missionierung überlagert und unterdrückt wurden. In geradezu schizophrener Weise verkannten und verkennen Beobachter:innen aus Europa, dass der eigene, christliche Kult um rituelle Gegenstände, Reliquien usw. im Kern auf ganz ähnlichen Mechanismen beruht. Heute wissen Ethnolog:innen wesentlich mehr über diese kulturellen Praktiken, aber der Begriff „Fetisch“ ist nach wie vor negativ besetzt. Dinge bei rituellen Handlungen mit magischen Kräften aufzuladen, erscheint vielen bis heute als eine Form obskuren „Aberglaubens“. Die eurozentristische Perspektive behindert eine unvoreingenommene Bewertung, wie der Kulturphilosoph HARTMUT BÖHME (geb. 1944) beschreibt:

»

Es kann gar nicht in den Blick kommen, dass der afrikanische Fetischismus ein komplexes System der Ordnungserzeugung, der Handlungssteuerung, der Grenzbewahrung, des Schutzes, der Angstbewältigung, der symbolischen Sinnstiftung und der rituellen Integration von Gemeinschaften wie Individuen darstellt. (Böhme 2006, S. 185)

Dingen eine magische Bedeutung beizumessen, scheint nicht in eine aufgeklärte und durchrationalisierte Gesellschaft zu passen. Dabei zeugen die Erfolge zahlreicher Romane und Filme, die von paranormalen Welten erzählen, von einem tiefen Bedürfnis, hinter der alltäglichen, restlos erklärten Realität andere Wahrheiten zu entdecken. Oft greifen die Autor:innen dabei auf Motive aus Mythen und Sagen zurück. Eine zentrale Rolle nehmen magische Gegenstände ein – wer kennt nicht den aus der Artussage entnommenen heiligen Gral oder den goldenen Ring im Filmepos HERR DER RINGE, ein Motiv, das unter anderem in der germanischen Mythologie eine Rolle spielt?
Integration, Handlungssteuerung, Angstbewältigung – ist es denkbar, dass auch im Jahr 2020/21 Menschen Gegenständen besondere Fähigkeiten zutrauen? Welche Gegenstände und welche Fähigkeiten könnten das sein? Wird in einer Krise wie der jetzigen die magische Qualität von Gegenständen wiederentdeckt? Gewinnen wir ein anderes, vielleicht nachhaltigeres oder achtsameres Verhältnis zu Gegenständen? Fragen, denen das Projekt SPUR DER FABELHAFTEN DINGE nachgeht.

Das Konzept des Fetischismus geht auf die frühe Beschäftigung mit außereuropäischen Völkern zurück, vor allem in Afrika. Europäische Reisende berichten von der Verehrung magisch aufgeladener Gegenstände in indigenen Kulturen. Man blickte damals aus der Perspektive des Überlegenen auf diese vermeintlich heidnischen Bräuche, die durch christliche Missionierung überlagert und unterdrückt wurden. In geradezu schizophrener Weise verkannten und verkennen Beobachter:innen aus Europa, dass der eigene, christliche Kult um rituelle Gegenstände, Reliquien usw. im Kern auf ganz ähnlichen Mechanismen beruht.
Heute wissen Ethnolog:innen wesentlich mehr über diese kulturellen Praktiken, aber der Begriff „Fetisch“ ist nach wie vor negativ besetzt. Dinge bei rituellen Handlungen mit magischen Kräften aufzuladen, erscheint vielen bis heute als eine Form obskuren „Aberglaubens“. Die eurozentristische Perspektive behindert eine unvoreingenommene Bewertung, wie der Kulturphilosoph HARTMUT BÖHME (geb. 1944) beschreibt:

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Es kann gar nicht in den Blick kommen, dass der afrikanische Fetischismus ein komplexes System der Ordnungserzeugung, der Handlungssteuerung, der Grenzbewahrung, des Schutzes, der Angstbewältigung, der symbolischen Sinnstiftung und der rituellen Integration von Gemeinschaften wie Individuen darstellt. (Böhme 2006, S. 185)

Silhouette einer Giraffenfigur

Dingen eine magische Bedeutung beizumessen, scheint nicht in eine aufgeklärte und durchrationalisierte Gesellschaft zu passen. Dabei zeugen die Erfolge zahlreicher Romane und Filme, die von paranormalen Welten erzählen, von einem tiefen Bedürfnis, hinter der alltäglichen, restlos erklärten Realität andere Wahrheiten zu entdecken. Oft greifen die Autor:innen dabei auf Motive aus Mythen und Sagen zurück. Eine zentrale Rolle nehmen magische Gegenstände ein – wer kennt nicht den aus der Artussage entnommenen heiligen Gral oder den goldenen Ring im Filmepos HERR DER RINGE, ein Motiv, das unter anderem in der germanischen Mythologie eine Rolle spielt?
Integration, Handlungssteuerung, Angstbewältigung – ist es denkbar, dass auch im Jahr 2020/21 Menschen Gegenständen besondere Fähigkeiten zutrauen? Welche Gegenstände und welche Fähigkeiten könnten das sein? Wird in einer Krise wie der jetzigen die magische Qualität von Gegenständen wiederentdeckt? Gewinnen wir ein anderes, vielleicht nachhaltigeres oder achtsameres Verhältnis zu Gegenständen? Fragen, denen das Projekt SPUR DER FABELHAFTEN DINGE nachgeht.

Nachhaltigkeit und kulturelle Grenzüberschreitung

Heute hat die kapitalistische Warenwirtschaft Grenzen erreicht und überschritten: Die Ressourcen der Erde werden überbeansprucht, die Produktion zerstört Lebensgrundlagen und Ökosysteme. Die Schattenseite massenhafter Warenproduktion besteht nicht nur aus Müllbergen, sondern auch aus Emissionen und Zersetzung. Auf der gesamten Erde bis in die polaren Zonen finden Forscher:innen Spuren von Mikroplastik. Die Überreste einer auf Erdöl basierten Produktion legen sich als giftiger Schleier auf den Globus. Die Politökonomin MAJA GÖPEL beobachtet im Jahr 2020 ein Umdenken: In einem Podcast erzählt sie, dass viele Menschen den Wunsch verspürten, die Corona-Krise für ein grundsätzliche gesellschaftliche 

Transformation zu nutzen und die Erfolgskriterien von Ökonomie stärker auf Prinzipien der Nachhaltigkeit auszurichten. Spielen solche Wünsche eine Rolle, wenn Menschen über die für sie wichtigen Gegenständen sprechen? Ist der Umgang mit Dingen stärker auf Nachhaltigkeit ausgerichtet? Das Projekt SPUR DER FABELHAFTEN DINGE hält diese Fragen im Blick.
Abgesehen von der explosionsartigen Vermehrung von Dingen in Folge der Industrialisierung bringt die Globalisierung des 20. Jahrhunderts eine weitere Dimension ins Spiel: Der Austausch zwischen Kulturen führt auch zur Begegnung mit Gegenständen, die andernorts etabliert sind, die wir aber nicht verstehen. Das kann verwirrend, 

aber auch amüsant und bereichernd sein. Diese Beobachtung hat die Künstlerin YIMENG WU für ein Projekt genutzt, das den Kontakt zwischen den Kulturen konkretisiert: Neun Menschen aus Deutschland erhielten neun Alltagsgegenstände aus China, in umgekehrter Richtung wanderten neun Gegenstände nach China. Die Teilnehmer:innen formulierten ihre Mutmaßungen zu Herkunft und Nutzen der Gegenstände, es entstanden fantasievolle Geschichten und eigenwillige Deutungen (vgl. Yimeng Wu 2013). Klar umrissene Funktionen lösen sich auf, Grenzen verschwimmen, Dinge verwandeln sich.
Das Projekt SPUR DER FABELHAFTEN DINGE nimmt diese Fährte auf.

Links und Literatur

Walter Benjamin (1927-40/1982): Das Passagen-Werk (Gesammelte Schriften Bd. V). Hrsg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt am Main.
Hartmut Böhme (2006): Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne. Reinbek.
Neil MacGregor (2012): Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten. München.
Karl Marx/Friedrich Engels (1867/1968): Werke, Band 23, „Das Kapital“, Bd. I, erster Abschnitt. Dietz Verlag: Berlin/DDR. S. 85.
Norddeutscher Rundfunk (2020): Coronakrise als Chance zum Umdenken. Der After-Corona-Club mit Anja Reschke und Maja Göpel als Gast. https://www.ndr.de/nachrichten/info/After-Corona-Club-mit-Maja-Goepel,audio682848.html (aufgerufen am 10.3.2021)
Zusammenfassung unter: https://www.ndr.de/kultur/After-Corona-Club-mit-Anja-Reschke-und-Maja-Goepel,goepel108.html (aufgerufen am 10.3.2021)
Yimeng Wu (2013): Dinge-Geschichten. Esslingen

Die Spurensucher

Burkhard Wetekam vor einem Verladekran im Lindener Hafen

Burkhard Wetekam ist Autor und Journalist (Deutschlandfunk, DIE ZEIT) und lebt in Hannover. Er veröffentlicht unter anderem Kriminalromane und Erzählungen. Eines der vielen Themen, die ihn interessieren, ist das Verhältnis von Mensch und Natur.

Werner Musterer Selbstportrait mit Polaroidkamera

Werner Musterer arbeitet künstlerisch und im Auftrag als Fotograf und entwickelt Medienkonzepte vorzugsweise für KMU, Freiberufler:innen und Soloselbstständige.

Links und Literatur

Walter Benjamin (1927-40/1982): Das Passagen-Werk (Gesammelte Schriften Bd. V). Hrsg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt am Main.
Hartmut Böhme (2006): Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne. Reinbek.
Neil MacGregor (2012): Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten. München.
Karl Marx/Friedrich Engels (1867/1968): Werke, Band 23, „Das Kapital“, Bd. I, erster Abschnitt. Dietz Verlag: Berlin/DDR. S. 85.
Norddeutscher Rundfunk (2020): Coronakrise als Chance zum Umdenken. Der After-Corona-Club mit Anja Reschke und Maja Göpel als Gast. https://www.ndr.de/nachrichten/info/After-Corona-Club-mit-Maja-Goepel,audio682848.html (aufgerufen am 10.3.2021)
Zusammenfassung unter: https://www.ndr.de/kultur/After-Corona-Club-mit-Anja-Reschke-und-Maja-Goepel,goepel108.html (aufgerufen am 10.3.2021)
Yimeng Wu (2013): Dinge-Geschichten. Esslingen

Die Spurensucher

Burkhard Wetekam vor einem Verladekran im Lindener Hafen

Burkhard Wetekam ist Autor und Journalist (Deutschlandfunk, DIE ZEIT) und lebt in Hannover. Er veröffentlicht unter anderem Kriminalromane und Erzählungen. Eines der vielen Themen, die ihn interessieren, ist das Verhältnis von Mensch und Natur.

Werner Musterer Selbstportrait mit Polaroidkamera

Werner Musterer arbeitet künstlerisch und im Auftrag als Fotograf und entwickelt Medienkonzepte vorzugsweise für Freiberufler:innen, Soloselbstständige und kleine Unternehmen.

Was ist dein fabelhaftes Ding?
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Spur der fabelhaften Dinge ist ein Projekt der Musterer und Wetekam Medienprojekte GbR
T: 0511 9845312  ·  M: fragen@spur-der-fabelhaften-dinge.de

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