Skizzenraum

Miniaturen, Essays, Skizzen über die Vielfalt der Dinge …

 

 

 

Das Große im Kleinen

Nicht jede »große« Geschichte bedarf vieler Worte. Manchmal ist das Wesentliche eben schnell zusammengefasst, aber dadurch nicht minder beeindruckend. Andere Erzählungen wollen sich vielleicht auch erst noch entwickeln – und der eine oder die andere Erzähler:in möchte auch gar nicht ins große (Video-)Rampenlicht. Diese Art von Miniaturen würdigen wir hier im Skizzenraum. Das Bildmaterial haben uns – wo nicht anders erwähnt – die Besitzer:innen selbst zur Verfügung gestellt.

Mit Buntstiften im Kloster

»Der größte Schatz meiner Kindheit war ein Buntstiftkasten, der auch einen goldenen Buntstift enthielt, mit dem ich den Prinzessinnen, die ich malte, Kronen aufsetzen konnte. Als Kind habe ich alles, was ich erlebt habe, ›vermalt‹, um es für mich festhalten zu können. Mittlerweile bin ich 56 Jahre, habe immer wieder Malkurse aller Art besucht für Acryl- oder Aquarellmalerei und doch habe ich mir eigentlich nichts mehr als einen großen Buntstiftkasten gewünscht. Im letzten Dezember bekam ich ihn endlich zum Geburtstag geschenkt. Kurz danach war ich für sechs Wochen im Kloster – mitten in Coronazeiten. Und mein Buntstiftkasten hat mich begleitet. Allein schon der Anblick des aufgeklappten Holzkastens mit 120 wunderschönen Buntstiften war ein ästhetisches Highlight, an jedem Tag neu. Und ich habe alles, was in mir an Schönem steckt, trotz Coronadunkelheiten wie in Kindertagen ›vermalt‹«.

Kerstin Hochartz, Oldenburg

Holzkasten mit zwei Ebenenen voller Buntstifte in allen Farben

Fotos: privat

Kleiner Lederrucksack in Seesackform

Fotos: privat

Ein Sofa, auf dem Rücken getragen

Es war ein schönes Sofa. Ein Dreisitzer, mit dunklem Leder bespannt. Es sollte lange halten, vielleicht sogar bis zur Rente. Tina und ihr Mann hatten das Sofa kurz nach dem Studium gekauft. Dann vergingen die Jahre, die Familie wuchs, das Sofa blieb gleich groß. Und es ertrug geduldig, dass Kinder auf ihm herumturnten. Nur ein paar Nähte gingen auf, aber das war nicht wirklich schlimm. Doch zuletzt, während des Lockdowns, zeigte sich, dass das Sofa für eine fünfköpfige Familie einfach zu klein war. Tina tat es leid, das Möbelstück auf den Sperrmüll zu werfen. In einer Zeitschrift las sie von einer Designerin, die oben an der Küste eine Werkstatt aufgemacht hat. Aus recyceltem Leder fertigt sie Geldbeutel, Kulturtaschen und Rucksäcke an. Das war die Lösung. Tina häutete das alte Sofa und schickte den Bezug an die Designerin. Wenig später kam als »Bezahlung« ein kleiner Seesack aus Leder. Jetzt trägt Tina jeden Tag einen Teil vom alten Sofa auf dem Rücken und ist glücklich damit. In dem Material stecken viele Erinnerungen. Das neue Sofa wird etwas größer ausfallen. Und es soll mit Tina alt werden.
Das Atelier der Designerin Jule Dittmer findet sich unter juledittmer.de.

Tina Stegmann, Hameln

Text: Burkhard Wetekam

Ein Schild im Vorgarten

Die Wochen des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020: »Seltsame Atmosphäre« und »Leben wie in Zeitlupe«. So beschreibt Susanne, wie sie diese Zeit erlebt hat. »Als Nachkriegsgeneration haben wir nicht gelernt, mit so großen Unsicherheiten umzugehen«, sagt sie. In dieser Zeit wurde die Familie für sie noch wichtiger als zuvor. Und die familiären Rituale. Dazu gehören bei ihr unbedingt auch Hefeklöße mit Blaubeeren, hergestellt von ihrem Mann. Ausgerechnet in diesem Moment waren die Supermarktregale leer – abgesehen von Klopapier gab es auch kein Mehl. Susanne denkt gerne praktisch, sie ist selbstständig und leitet einen Handwerksbetrieb. Das Schild im Vorgarten mit der Bitte um eine Mehlspende war schnell aufgestellt. Wenig später meldete sich eine ältere Dame, die noch Mehl übrig hatte und großzügig ein Kilogramm verschenkte. Diese Augenblicke von Nachbarschaftshilfe und Solidarität – gingen die nicht viel zu schnell vorbei? Und wann war zuletzt ein Kilogramm Mehl so wertvoll, so aufgeladen mit Bedeutung? Fragen, die vom Frühjahr 2020 übrigbleiben. Und der Geschmack von Hefeklößen mit Blaubeeren.

Susanne Matthies, Laatzen

Text: Burkhard Wetekam

Schild mit Text: Wir suchen Nachbarn, der uns Mehl leiht.
Susanne mit Ehemann und Sohn

Susanne und ihre Famile    (Fotos: privat)

bunt bemalte Schneckenhäuser hängen an einer Kordel

Eine Auswahl von Ullas bemalten Schneckenhäusern
(Portrait und Sachaufnahme: Werner Musterer)

In aller Ruhe über die Rasierklinge

Eine Spirale, die man ins Unendliche fortsetzen könnte, fein gezeichnet, filigran. Ulla hat ein Faible für Schneckenhäuser. Und sie hat diesen kreativen Impuls, Dinge in etwas anderes zu verwandeln. So, wie sie auch winzige Vögel und Engel gestaltet, aus Draht und buntem Krepppapier und zur Freude ihrer beiden kleinen Enkelkinder. Irgendwann hat die pensionierte Lehrerin angefangen, winzige Schneckenhäuser anzumalen und dekorativ zu arrangieren. Sie hat Gedichte geschrieben und kennt eine ganze Reihe schöner Kinderbücher, die von Schnecken erzählen. Und jetzt, während der Lockdowns, hat sie diese Tiere noch einmal neu entdeckt: »Schnecken haben die Ruhe weg. Und sie können über scharfe Glasscherben kriechen, ohne dass sie sich verletzen.«

Das Schneckenhaus als Symbol für den Rückzug, das hat etwas Bedrückendes, aber schwingt dabei nicht auch Geborgenheit mit? Für Ulla ist die Schnecke das Tier der Pandemie. Es gibt ungefähr 25 000 Schneckenarten, die an Land leben – aber das ist nur der kleinere Teil. Viel mehr Arten finden sich im Meer, wahrscheinlich schon seit über 500 Millionen Jahren. Der Mensch, dieser spät dazu Gekommene, der alles zu wissen glaubt, hat viele von ihnen noch nie gesehen. Ob die Schnecken sich daran stören? Ach was, die kriechen einfach weiter, langsam und lässig, irgendwo am Grund des Ozeans.

Ulla Müllek, Hannover

Text: Burkhard Wetekam

Das Leben ist (k)ein Album

Gerade war sie ein paar Tage an der Ostsee. Eine Reise, die jetzt wieder möglich ist, im zweiten Sommer der Pandemie. Verglichen mit den Reisen, die Edith im Laufe ihres Lebens erlebt hat, war das nur ein Ausflug. Ob Kalifornien oder Paris, Irland oder Polen, die Liste, auf der sie notiert hat, wo sie überall war, umfasst viele Seiten.

Während der Lockdown-Phasen konnte Edith die Welt nur in Gedanken durchstreifen – und dabei halfen ihr die vielen hundert Fotos, die sie oben auf dem Regal aufbewahrt. Beim Aufräumen kam ihr die Idee, ein »biografisches Album« anzulegen. »Nur die wichtigsten Bilder kommen da rein, ich mache das für mich selbst«, sagt sie. Da klingen Glück und Stolz mit durch, vor allem aber Dankbarkeit. Schwarzweißbilder aus der Kindheit, mit Eltern und Großeltern. Dann werden die Bilder farbig, wie das Leben. Ein großes Tankschiff taucht auf: Edith ist ein halbes Jahr lang zur See gefahren, bis ans andere Ende der Welt. Später hat sie eine Kindertagesstätte aufgebaut und geleitet. Die wichtigsten Momente in diesem Album? Darauf hat sie eine einfache Antwort: Begegnungen mit Menschen! So spiegelt jede Seite des Albums wertvolle Erinnerungen. Für Edith ein Schatz, der auf ihrer Reise durchs Leben entstanden ist und weiterwächst.

Edith Jenzer-Jounais, Hannover

Text: Burkhard Wetekam

weißes Fotoalbum mit schwarzen streifen
aufgeschlagenes Fotoalbum mitverschiedenen Farbfotografien

Ediths Album und eine exemplarische Seite daraus   (Portrait und Sachaufnahmen: Werner Musterer)

Weitere Skizzen folgen …